A (not so) modern roadmovie

Afrika, 2014. Die Zeiten der Arpartheid sind vorbei. Gleichberechtigung zwischen allen Hautfarben. Nicht aber Chancengleichheit. Viel Einkommen und Bildung bei Weiß, viel Armut, Kriminalität und Gewaltbereitschaft bei Schwarz. Die sogenannten Farbigen irgendwo dazwischen, hart arbeitend und gierig den letzten Cent zu verdienen. Meist skrupellos. Doch um die geht es hier nicht.

Eine Szene aus einem Film. Er spielt hier in Südafrika. Ein paar Leute fahren auf einem Bakkie, einem Pickup. Der Farmer fängt Tiere. Die Schwarzen sind seine Helfer. Einer spurt nicht richtig. Der Weiße, gebaut wie Arnold Schwarzenegger, gibt ihm einen kräftigen Fußtritt. Der Schwarze fliegt bei voller Fahrt vom Wagen und landet in den Dünen.

Ein schlechter Film, kann man meinen. Nur dass es kein Film war. Ich war dabei, in Rietfontein, Südafrika, nur 15 Kilometer von der Grenze zu Namibia und 25km von Botswana entfernt. Der Farmer verdient sein Geld mit dem Tierfang. Seit Generationen sind die Schwarzen die Helfer. Welche Regierung an der Macht ist, welches Jahrhundert, merkt man hier kaum. Der Bakkie hat 1,5 Millionen Kilometer runter. Der Farmer hat gerade 400 Gemsbok (Oryx-Antilopen) an einen anderen Farmer verkauft, der die Tiere lebend an andere Farmen weit entfernt verkauft. Er bekommt 1.000 Rand pro Tier, der Zwischenhändler 4.500 Rand pro Tier.

Um so ein Tier zu fangen gibt es verschiedene Methoden. Alle gefühlt aus dem letzten Jahrtausend. Der Farmer, Jupp ist sein Name, steht hinten auf dem Pickup und zieht die Tiere auf den Bakkie. Beim Fahren. Ich könnte noch nicht mal auf dem Ding stehen ohne mich mit beiden Händen festzuhalten, die Füße gespreizt, die Zähne zusammengebissen, wenn der Bakkie mal wieder den Boden verläßt oder einen Baum umnietet. Jupp meint ab 80km/h sind die Bäumen, die kaum tiefe Wurzeln im Sandboden haben, kein Problem. Jupp zieht gerne Eland (Antilopen) auf den Bakkie. Die wiegen 200-300kg. Dabei hilft aber ein Kumpel, der ein Seil um den Hals legt. Alleine sind ihm 300kg doch zu schwer.

Diese Methode ist mühselig. Tiere suchen, nebenherfahren, zugreifen. Einfacher ist es per Helikopter. Die Schwarzen bauen einige Hundert Meter undurchsichtigen Zaun in ein paar Stunden. Geformt wird der wie ein Trichter. Die Tiere werden mit dem Lärm des Hubschraubers in den Trichter getrieben. Klappt aber nur manchmal. Die dämlichen Viecher rennen gern in die falsche Richtung weg. Oder in die richtige. Kommt darauf an ob man Jupp oder eine Antilope ist. Passiert es, fluchen Jupp und Arbeiter gleichermaßen: “Ej, Kak” wird von Konsonanten umringt, wiederholt, gebrüllt, bis mir die Ohren klingeln. Fluchen können sie.

Der Hubschrauber fliegt auch mit Passagier, der eine Netgun, eine Netzpistole, bedient, um auf die Tiere zu schießen und ein Netz um sie zu werfen. Kennt man aus Filmen: Der Pilot fliegt durch den Himmel, der Helfer schießt aus 150m Entfernung das Netz auf einen dem Sonnenuntergang entgegen galoppierenden Bock. Oder einen Schwarzen. Je nach Drehbuch. In der Realität sieht das anders aus. Die Netgun, Baujahr 1985, wiegt 35kg. Kann man nicht gut und lange am ausgestreckten Arm halten um anzuvisieren, besonders wenn der Hubschrauber Pirouetten dreht wie Kati Witt auf dem Eis. Anvisieren braucht man aber eigentlich auch nicht, man kann nur treffen wenn die Netgun maximal 2,5m vom Tier entfernt ist. Da fliegt man im Hubschrauber nicht sehr hoch. Aber es klappt. Die Trefferquote liegt zwischen 30 und 80%, je nach Tagesform des Schützen.

Die nächste Methode ist die gezielte Jagt. Oder was man so unter Zielen versteht. Da wird ein Kerl auf ein Quad-Bike gesetzt und in die Richtung gejagt, wo die Tiere zuletzt gesehen wurden. Da keine Kommunikation besteht – von Funkgeräten hat man noch nichts gehört, obwohl man schon elektrischen Strom kennt – fährt der Schwarze auf dem Quad dann gern über Düne zu Düne, bis ein Tier da steht. Oder eben bis der Spritt ausgeht. Diese Methode habe ich bisher nicht verstanden. Die dort wohl auch nicht, jedenfalls wurde so kein Tier gefangen.

Der Schwarze, der per Fußtritt vom Bakkie befördert wurde, hatte übrigens versäumt den Vorhang zuzumachen: Wenn die Tiere im Zaun-Trichter sind, wird hinten der Vorhang zugemacht, sozusagen die dritte Seite eines Dreiecks geschlossen. Dann können die Tiere in Ruhe in die Enge getrieben werden und nicht abhauen. Das hatte der Kerl versäumt. Darum der Fußtritt. Vierzehn Gemsbok sind in die Freiheit gerannt.

Rietfontein ist ein kleines Dorf, viel Armut, Arbeitslosigkeit. Die Preise für Immobilien sind durchaus erschwinglich. Das nächste Cafe, 200km weiter, ist auch günstig. Ein Rand – also 7 Cent – kostet dort eine einfache Mahlzeit, zB. ein Pfannkuchen. Wenn Jupp nun nach Arbeitern sucht, sinkt plötzlich die Arbeitslosigkeit in Rietfontein auf Null. Jeder ist beschäftigt, keiner will für Jupp arbeiten. Und die es doch tun arbeiten hart und fluchen noch härter. Jupp sitzt zur Abwechslung im Bakkie, eine Antilope in 150m Entfernung soll zum Abendessen werden. Wir dürfen nicht fotografieren, nicht sprechen, uns nicht bewegen. Wir stehen gegen den Wind, Jupp zielt in Ruhe. Atmet aus. Hält den Atem an um den Finger am Abzug ruhig durchzudrücken. “ICH HAB DIR DEIN GELD SCHON GESTERN GEGEBEN!”, brüllt ein Arbeiter den anderen auf dem Bakkie 50m entfernt an. Der andere wird handgreiflich, Gefluche folgt aus beiden Autos. Die Antilope ist längst über alle Dünen.

Ein Bekannter von uns kommt vorbei. George. George lebt in London, trägt vorzugsweise Armani, ist in Südafrika mal wieder zu Besuch. Und George ist schwarz. Als Jupp nun George sieht prallen zwei Welten aufeinander. Jupp hat noch nie etwas von Armani gehört. Noch viel weniger von Schwarzen, die ohne Schaufel in der Hand dastehen, zumindest an ein paar Stellen unter den dürtigen, zerissenen Kleidung bluten, und ordentlich afrikaans fluchen. Jupp wird erklärt wer George ist. Jupp ist doch moderner und lernfähig als ich dachte. Er dreht sich mit verächtlichem Blick um und geht weg, ohne George zu beachten. Aber er tritt ihn immerhin nicht.

Dabei muß man Jupp verstehen. Er hat viele Mäuler zu stopfen. Es war ein schlechter Tag. Sieben Oryx gefangen. 400 hatte er wie gesagt schon verkauft, die er noch lange nicht hat. Alle malochen, Tag für Tag, ab 6 Uhr früh im Dunkeln bei 5° bis 8 Uhr abends. Mittagspause bei 30° im Schatten. Der Hubschrauberpilot fliegt nur kurz. Mehr als 5 Minuten Einsatz pro gefangenem Tier, dann rechnet sich die Sache nicht. Die Helfer bauen Zäune, heben Gruben aus in denen der Bakkie versenkt wird, damit die Tiere ebenerdig auf den Bakkie laufen können. Dann muß Jupp die Muskeln nicht spielen lassen. Und ein Kerl ist wie aus einem Witzfilm. Jedes Mal, wenn der Bakkie anhält, springt er raus und pumpt mit einer Luftmatratzenpumpe den rechten Vorderreifen aus. Jedes Mal! Warum der nicht geflickt wird, der Reifen? Haben wir schon ungefähr 15 Mal gemacht in den letzten 5 Jahren gemacht, nutzt aber nichts. Der Reifen ist auch noch neu. Maximal 300.000km gelaufen. Darum wird gepumpt.

Vom Pumpen abgesehen, ist das als Tierfreund alles schwer anzusehen. Es ist knallharte Realität. Ein Gemsbok erleidet einen Herzinfarkt, so wird vermutet. Er stirbt bevor er auf dem Bakkie ist. Einem zweiten Gemsbok wird von einem anderen das Herz durchbohrt. Einen dritten wird der Bauch aufgeschlitzt, die Gedärme fallen heraus. Das Tier verreckt elendig. Alle drei werden mitgenommen. Nicht zum Verkauf versteht sich. Am Folgetag sehe ich das Fleisch aufgespannt in einem Raum hängen. Biltong. Trockenfleisch. Das ist die Zukunft dieser drei. Ihre Gedärme nebst Inhalt liegen vor der Tür, ebenso wie zwei abgehackte Köpfe. Gestank, Fliegen. Keiner stört sich daran.

Bullet, ein anderer Bekannter, fährt ein Servicefahrzeug für unsere Tour. Wir waren mit Freunden in Rietfontein und bei Jupp. Bullet ist nett, einfühlsam und sensibel. Zu seinem Pech. Denn er ist auch schwarz. Schlecht hier in dieser Gegend, wie er sagt. Mehrmals hat man ihn wohl gepackt und so zum Spass über den Zaun ins Gehege mit den um sich tretenden Tieren geworfen. Er ist soetwas gewohnt, meint er, aber er habe die Nase so langsam voll davon. Ich kann ihn verstehen.

Rietfontein. Ein Nest was uns Erlebnisse beschert hat, die ich im Film nicht für real erachtet hätte. Aber ich habe es selbst erlebt. Ein hartes Leben aus einer anderen Zeitrechnung, sicher nicht typisch Südafrika. Aber eben auch Südafrika.

6 Gedanken zu “A (not so) modern roadmovie

  1. Dem Kommentar mit dem Schriftsteller schließe ich mich uneingeschränkt an 🙂

    Danke Marc für diese immer wieder sehr gern zu lesenden Zeilen, die mir immer ein Lächeln ins Gesicht zaubern!

  2. Danke für den teilweise amüsanten, interessanten, wenn auch nicht gerade immer schönen Einblick.

    Aber machen wir uns keine Illusionen, unsere Fleischproduktion bzw Tierhaltung in Deutschland ist auch nichts für zartbesaitete Menschen.

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